Leseprobe - Kap. III
Hinter der Wand ging es noch ein kleines Stück durch einen Felsgang weiter. Plötzlich wurde es hell und was sich nun Aldrians Augen offenbarte, übertraf seine kühnsten Fantasien. Ein großes Tal lag vor ihnen. Umschlossen von den hohen Felswänden des Gebirges Grimmlaun, von dem jeder aus Steppenwald dachte, dass es ein geschlossenes Felsmassiv sei. Am Rande des Tals war ein sehr großer Wald. Die hoch ragenden Felswände krümmten sich nach oben und lagen wie ein schützendes Halbdach über diesem Wald. Der Anblick war berauschend; er wirkte wie ein prachtvolles Gemälde. Einige kleine Flüsse durchzogen die Ebene, sie mündeten allesamt in einen wunderschönen See, der dicht neben dem Waldrand lag. Saftige Wiesen waren auf der Ebene zu erkennen, auf denen einige Pferde zu sehen waren. Auch eine Büffelherde war deutlich zu beobachten, die genau den Beschreibungen von Gublons entsprach. Lebten hier also jene Büffel, aus deren Hörnern die Elben ihre Meisterbogen fertigten?
„Aldrian, komm, wir werden bereits erwartet“, rief Moonargon mit seiner sanften Stimme. Aldrian schwang sich auf sein Ross und folgte den vier Fremden. Ein Weg führte hinunter auf die Ebene und direkt in den Wald. Die Bäume des Waldes wuchsen allesamt in einer Pracht, wie er es zuvor noch nie gesehen hatte. Das Wasser der Bäche schien klarer, als er es von den Bächen aus Steppenwald kannte. Hirsche rannten vor ihnen über den Weg, auch einige Wildschweine mit ihren Frischlingen waren zu sehen. Auch vielerlei Vögel, von Adler bis Zeisig, konnte man beobachten oder hören.
Durch die schützenden Felswände war hier nichts von dem Schneesturm zu spüren, der außerhalb von Grimmlaun tobte. Nur wenige Schneeflocken taumelten in das geschützte Tal. Der Wind hatte keine Möglichkeit hier einzudringen. Dennoch war genügend freier Himmel über diesem weiten Tal, um der Sonne Einlass zu gewähren. Nach einem kurzen Ritt standen sie vor der riesigen Waldlichtung. In der Mitte herrschte reges Treiben. Viele Stände mit Händlern waren zu erkennen. Es schien ein Marktplatz zu sein, auf dem allerlei Waren angeboten wurden. Am Rande der Lichtung sah man ringsherum Hütten, die mit dem Unterholz geradezu verwachsen schienen. Auch in den Bäumen sah man herrliche Wohnstätten, die mit Brücken verbunden waren, welche offensichtlich aus den Bäumen wuchsen. Es war ein Anblick, den einem wohl nur ein fantastischer Traum bescheren konnte. Zwischen den groß gewachsenen Frauen und Männern sah man auch einige stämmige Kleinwüchsige, die lange Bärte hatten und allerlei Gepäck auf Eseln mit sich führten. Aldrian merkte, dass er von vielen begutachtet wurde und dass man über ihn sprach. Die Worte waren ihm jedoch schwer verständlich und schienen ein Gemisch aus verschiedenen Dialekten zu sein. Er konnte diese Sprache zwar nur ansatzweise verstehen, doch tief in seinem Innersten verspürte er eine tiefe Vertrautheit mit dem Klang der Worte. Es war jener Klang der alten Lieder, die seine Mutter in seiner Kindheit oftmals in den Abendstunden sang und ihn damit in den Schlaf begleitete. Seine vier Begleiter übrigens waren seiner Sprache mächtig, auch wenn sie sich oft untereinander in einer anderen Sprache unterhielten.
„Nun sind wir am Ziel“, betonte Moonargon.
Sie standen vor einem beeindruckenden Baumhauskomplex, das sich über mehrere einzelne Bäume erstreckte und von besonderer Schönheit war.
„Das ist unser Panluur, es ist das Haus der Ältesten“, rief Silverion zu Aldrian hinüber und er kletterte in die Anhöhe mit einer Gewandtheit, die Aldrian nur von sich selbst und von Onkel Alarion kannte.
„Es ist niemand da“, war aus dem prachtvollen Baumhaus zu hören. „Komm herauf und warte hier vor dem Eingang, wir suchen die Ältesten zusammen“, sagte Moonargon zu Aldrian. Der kletterte mit beinahe ebenbürtiger Gewandtheit zum Einlass des Panluur und wartete. Seine vier Gefährten verteilten sich in alle Richtungen und kamen nach kurzer Zeit mit einer Frau und sechs weiteren Männern zurück. Die vier Begleiter verabschiedeten sich und wiesen darauf hin, dass er nun mit den Ältesten über sein Anliegen sprechen sollte.
„Wir kommen wieder, wenn wir von den Ältesten gerufen werden“, gab Silverion zu verstehen.
Aldrian war äußerst verwundert, denn niemand der Ältesten sah älter als vierzig Jahre aus. Im Gegenteil, vier der sieben wirkten wie höchstens Anfang dreißig. Doch Aldrian wollte aus Höflichkeit nicht nach dem Alter fragen. Die Ältesten gingen in das Panluur hinein und Aldrian hörte wieder jene vertraute Sprache, die er aus den Liedern seiner Mutter kannte. Er kannte sie auch aus so manchen elbischen Textrollen, die er mit Onkel Alarion studiert hatte.
„Willst du warten, bis das Panluur zugewachsen ist, oder warum wartest du im Freien?“, hörte er eine Frauenstimme aus dem Inneren fragen. Er hörte ein bescheidenes Lachen und betrat dann das Innere des Panluur, wo er vor lauter Staunen kaum noch atmen konnte. Vielerlei edle Bögen zierten die Wände. Sie sahen aus, als ob sie aus lebenden Ästen bestünden. Moosartige Teppiche zierten große Flächen an den Wänden und auf dem Boden. Der runde Tisch in der Mitte schien aus einem Stück zu sein. Er sah aus, als wäre er in dieser Form gewachsen, da er an den Rändern und auf der Oberfläche noch eine frische Rinde trug. Alles schien perfekt zu sein, ebenso wie jene sieben anmutigen Wesen, die um den Tisch herum saßen und ihn mit ihren großen Augen musterten.
„Nimm Platz, Fremder, und sage uns deinen Namen“, sprach einer der Männer zu ihm. Aldrian setzte sich und folgte dem Wunsch. „Aldrian von Alfengrimm ist mein Name“, betonte Aldrian.
„Was ist dein Anliegen, Aldrian von Alfengrimm?“, fragte die Frau unter den sieben Ältesten.
„Ein seltsamer Name, ein äußerst seltsamer Name“, betonte einer der Ältesten.
Aldrian begann seine Geschichte zu erzählen und die großen Augen der sieben „Alten“ wurden nun noch größer. Er erzählte von der schönen Feier, von all den Geschenken und von jenem Ross, das ihn letztendlich in diese Situation gebracht hatte. Auch die Geschichte von seiner Mutter und dem Steinkreis von Auenlicht berichtete er.
„All dies ist äußerst bemerkenswert!“, betonte einer der Ältesten. „Jenen Steinkreis nennen wir Chaan eal Paan, was Kreis der Zeit bedeutet. Es gibt Anzeichen dafür, dass dieser Kreis die Zeit beeinflussen kann. Man erzählt sich hier, dass Tialurr, der alte Zwergenmagier, diesen Kreis mit Hilfe von Magie erbaute, um Erze und Edelsteine aus allen Zeiten zu erhalten. Tialurr soll jedoch eines Tages in der Zeit verschwunden und nicht mehr zurückgekommen sein. Auch andere Zwerge und gar Elben verschwanden bereits auf seltsame Weise. Viele bringen diesen Steinkreis damit in Verbindung. Wir Elben wissen jedoch nicht alles über die Zwergenmagie und über die alten Zwergenlegenden“, gab die Frau unter den Ältesten zu verstehen.
Aldrian saß da, als hätte er nur noch einen letzten Atemzug. Er war bleich wie Apfelschimmel und ihm ging es sichtlich schlecht. Hatte er doch gerade erfahren, dass er mit höchster Wahrscheinlichkeit einem Spiel der Zeit zum Opfer gefallen war. Nun saß er hier, in einer fremden Zeit, zusammen mit sieben Elben und unterhielt sich über zwergische Magie und Legenden. Auch wenn bisher alles wie ein Traum erschienen war, so war dies der Moment des bitteren Erwachens.
Norions Geschichten über Elben und Zwerge schienen doch einen wahren Kern zu besitzen, wie ihm nun deutlich wurde.
Aldrian wollte nun Gewissheit haben und fragte nach dem Jahr, welches gerade geschrieben wurde.
„Wir schreiben das Jahr 2221 der ersten Zeitperiode“, antwortete einer der Sieben zu ihm.
„Die erste Zeitperiode?!“, rief Aldrian mit lauter Stimme. „Gestern war der 22. Juni 2222 der zweiten Zeitperiode!“, sprach Aldrian mit hörbarer Erregung. „Es war mein 22. Geburtstag und die Vollendung der Sommersonnenwende“, erklärte Aldrian bestürzt und mit einer solchen Überzeugung, dass die Elben seinen Worten Glauben schenkten.
Plötzlich schoss es Aldrian durch den Kopf. War vor siebzehn Jahren mit seiner Mutter etwa dasselbe geschehen wie mit ihm? War seine Mutter etwa hier gefangen, in dieser Zeit voller wundersamer Dinge? Diese Möglichkeit schien nun zu bestehen und Aldrian fragte die Ältesten, ob ihnen eine Frau mit dem Namen Loana bekannt sei.
„Es gibt mehrere Frauen mit dem Namen Loana in unserem Tal, ich kenne jedoch keine mit dem seltsamen Namen >Alfengrimm<“, antwortete die Frau unter den Ältesten.
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