Leseprobe - Kap. VII

Die Dämmerung war inzwischen hereingebrochen und Aldrian beeilte sich. Er trieb Funkenglut an und es wurde ein wilder Ritt. Funkenglut gab, was er konnte, dennoch gelang es Aldrian nicht, vor Einbruch der Dunkelheit den Wald zu durchreiten. Es zog wieder dichter Nebel auf, und Aldrian musste absitzen und zu Fuß weitergehen. Nach einiger Zeit blieb er stehen, rieb Funkenglut mit trockenen Grasstauden sorgfältig trocken und suchte einen Platz zur Rast. Plötzlich nahm er den Geruch von Feuer wahr. Er wusste, dass sein Leben in Gefahr war. Den Tod dieses Riesen würden die Fremden sicher nicht ungesühnt lassen. Langsam und vorsichtig schlich er voran. Selbst Funkenglut war auf dem weichen Waldboden kaum zu hören. Als er das Feuer sehen konnte, vernahm er laute menschliche Stimmen. Er schlich ohne Funkenglut näher und lauschte den Worten der Fremden.

„Wir haben zu wenig Beute gemacht. Der Winter wird sicher hart in diesem Jahr und wir benötigen noch Vieh und andere Vorräte. Ein paar nette Sklavinnen wären auch nicht schlecht, ho, ho, ho!“, sprach einer der Fremden. Es waren große, kräftige Krieger, die in Pelze und lederne Rüstungen gekleidet waren und Helme mit langen Hörnern trugen. Sie waren mit Schwertern, Streitäxten und Langbogen bewaffnet.

„Bei den Menschen können wir nur noch den Ort Hohrat plündern, doch bei den Elben und Zwergen gibt es sicher noch reichlich zu holen“, betonte ein anderer Krieger.

„Und was tun wir, wenn sie Gegenwehr leisten?“, fragte einer der Jüngeren.

„Gegenwehr? Ha, sollen sie es doch versuchen, die Oger und die Cwards lieben das Fleisch der Elben und die Schätze der Zwerge. Und wenn das nicht genügen sollte, werden noch die Golems und Myhraan, zum Einsatz kommen“, bemerkte der kräftigste Krieger.

Aldrian war nun klar, was hier für Pläne geschmiedet wurden. Doch er hörte einen seltsamen Namen. Wer oder was war Myhraan? Es war eindeutig keine Zeit zu verlieren. Er ging zu Funkenglut zurück und schlich ohne Pause weiter. Als er genügend Abstand zu dem Feuer hatte und der Weg wieder breiter wurde, ritt er trotz des Nebels mit halsbrecherischer Geschwindigkeit. Der Morgen graute bereits, als er aus dem Wald heraus kam. Er machte sich auf den Weg zu der Menschensiedlung, die bereits Plünderungen zum Opfer gefallen war. Die Fremden hatten eindeutig die Absicht, weitere Plünderungen durchzuführen. Er musste seine Freunde warnen und für eine schnelle Einigung unter den Völkern sorgen. Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken herausgerissen. Er hörte deutlich den Hufschlag von mehreren Pferden, die in seine Richtung ritten. Gekonnt riss er Funkenglut herum und versteckte sich in der Menschensiedlung.

Es waren zwei menschliche Krieger, eines jener riesenhaften Geschöpfe, die er als Oger kannte, und zwei Cwards mit brennenden Fackeln in ihren klauenartigen Händen. Sie ritten direkt auf die Siedlung zu und Aldrian musste Funkenglut beruhigen, um nicht bemerkt zu werden. Die Fremden stiegen aus den Sätteln und banden ihre Pferde an einen Pfahl. Das große Pferd des Ogers wirkte wie ein kleiner Esel neben der wuchtigen Gestalt des Riesen. Das Pferd war sichtlich erschöpft, unter dieser Last, die es tragen musste. Einer der Menschen sprach plötzlich in strengem Befehlston: „Untersucht alle Hütten und Ställe! Hier muss noch etwas zu holen sein! Bringt auch alle jungen Frauen und Männer hierher, wir brauchen Sklaven für den Markt!“

Aldrian überlegte nicht lange. Er nahm Bogen und Pfeil und bereitete sich vor.

Der Oger begann ohne Rücksicht damit, die Türen der Hütten herauszureißen. Schnaufend durchwühlte er das Innere. Er kam jedoch mit leeren Händen zurück. Auch in den zwei folgenden Hütten fand er nichts. Die Cwards warfen die brennenden Fackeln auf die leeren Häuser.

Aldrian musste nun handeln, denn der Riese stampfte geradewegs auf das nächste Haus zu.

Er zielte mit seinem Pfeil auf den Anführer der Gruppe und durchbohrte seinen Brustpanzer mit einem einzigen Schuss. Brüllend fiel der Mensch vom Pferd. Aldrian spannte seinen Bogen blitzschnell neu und legte auf den anderen Menschen an, der den Vorfall sofort bemerkte. Der Pfeil zischte von der Sehne und durchdrang die Brust des Fremden, der atemringend zu Boden sank. Die beiden Cwards hatten Aldrian bemerkt und rannten zu zweit auf ihn zu, nachdem sie den Oger alarmiert hatten.

Aldrian hatte bereits einen neuen Pfeil gespannt und zielte. Er spannte den Bogen bis zum Ende der Pfeilspitze und ließ los. Der Pfeil durchschlug den Hals des ersten Cwards und fand ein weiteres Ziel im oberen Brustbereich des zweiten Angreifers. Es war ein wahrhaftig meisterlicher Schuss mit einem wahrlich meisterhaften Bogen! Beide Cwards stürzten gemeinsam zu Boden. Es war kein Lebenszeichen mehr zu erkennen. Doch nun hatte Aldrian ein sehr ernstes Problem. Der Oger hatte sich um das Haus geschlichen und rannte brüllend auf ihn zu. Er war nur noch wenige Schritte von Aldrian entfernt. Doch plötzlich übernahm Funkenglut die Initiative. Aus dem Stand machte er einen Sprung nach vorn und der Oger stampfte ins Leere. Aldrian konnte sich zwar nur schwer auf Funkenglut halten, doch war der Angriff des Riesen abgewehrt.

Aldrian griff erneut zu einem Pfeil und ritt einen großen Bogen.

Wieder stampfte der Oger wutentbrannt auf ihn und Funkenglut zu. Allein der Ausdruck seines Gesichts und seine mächtige Gestalt wirkten derartig furchteinflößend, dass die meisten Gegner wohl bereits geflüchtet wären.

Aldrian hatte nur noch Zeit für einen einzigen Schuss. Er zielte genau zwischen die Augen des heranstürmenden Riesen. Der Pfeil surrte für den Bruchteil einer Sekunde durch die Luft und traf sein Ziel. Der Oger hatte noch gar nicht wahrgenommen, was geschehen war, und rannte instinktiv weiter. Blitzschnell griff Aldrian zu seinem Schwert. Doch der Riese machte noch drei stampfende Schritte, dann fiel er mit großer Wucht zu Boden.

Sofort sprang Aldrian von seinem Ross und rannte zu dem Haus, in dem das kleine Mädchen und der junge Mann wohnten. Die Tür war bereits herausgerissen, doch zu mehr hatte der Oger keine Zeit gehabt. Es war im Inneren niemand zu sehen und das Haus sah eindeutig verlassen aus. Aldrian eilte zu den bereits brennenden Hütten und entfernte die Fackeln. Er versuchte zu retten, was noch zu retten war. Er konnte das Feuer löschen. Es wunderte ihn sehr, dass hier keine Menschenseele mehr zu finden war. Alle Hütten sahen verlassen aus. Weder Kleider noch andere Besitzgüter waren vorzufinden.

Funkenglut wurde plötzlich unruhig.

Als Aldrian aus dem Haus eilte, konnte er in einiger Entfernung die Hufschläge von mehreren Pferden hören. Aldrian sprang auf den Rücken von Funkenglut und versteckte sich im Unterholz. Als die Reiter in Sichtweite kamen, konnte Aldrian erkennen, dass es drei jener Krieger waren, die er im Wald um das Feuer hatte sitzen sehen. Sie waren sichtlich beunruhigt und untersuchten den Kampfplatz nach Spuren. Aldrian hatte bereits seinen Bogen gespannt und war zu allem bereit. Die Reiter bargen die Körper der beiden Menschen und nahmen sie auf ihre Pferde. Dann ritten sie in Eile davon.

Funkenglut wurde wieder unruhig, und auch Aldrian spürte, dass er beobachtet wurde. Er fühlte tief in seinem Innersten, dass etwas Fremdartiges nicht unweit hinter ihm stand und ihn beobachtete. Schnell wie der Flug eines Elbenpfeils drehte sich Aldrian samt Funkenglut herum und sah eine Gestalt in der Größe und mit den Merkmalen eines jungen Knaben. Die Gestalt trug einen seltsamen spitzigen Schlapphut, aus dem ein Paar spitziger Ohren herausragte. Dieser Knabe hatte eindeutig eine bläuliche Haut und ungewöhnlich große Füße. Aldrian konnte ein sehr freundliches Lächeln in dem Gesicht der Gestalt erkennen. Der Knabe starrte einige Augenblicke auf Aldrians goldenen Ohrring, den er zu seinem Geburtstag von Layrah als Geschenk bekommen hatte. Aldrian nahm instinktiv den Ohrring und warf ihn vor die kleine Gestalt. Der Knabe hob den Ohrring vorsichtig auf und steckte ihn mit einem breiten Lächeln an eines seiner spitzigen Ohren.

Aldrian fragte: „Sage mir, Knabe, wie ist dein Name und von welchem Volk stammst du?“

Aldrian bekam als Antwort ein sehr neckisches Gelächter, so wie er es noch nie zuvor gehört hatte. Blitzschnell drehte sich der Bursche herum und verschwand im Unterholz. Aldrian sprang in Windeseile von Funkenglut herab und eilte hinterher. Er konnte den frechen Burschen nur noch kurz hinter einem dicken und krummen Baum verschwinden sehen, dann war er wie vom Erdboden verschluckt. Aldrian zweifelte an seinem Verstand und ging zu Funkenglut zurück. „Welch seltsames Wesen“, dachte er sich.

Aber er hatte wahrhaftig andere Sorgen und musste so schnell wie nur möglich zu den Elben. Sie mussten von der Entscheidung der Zwerge erfahren und sich dann beraten. Aldrian sprang auf Funkenglut und ritt wie unter Verfolgung nach Grimmlaun. Als er an dem Wasserfall ankam, kam ihm eine Idee. Er hatte sich den Zauberspruch gemerkt, den Moonargon hier immer anwandte, um trocken durch das Wasser zu kommen. Er konzentrierte sich und sprach die Worte: „Chaa ne wa enlawa.“ Zögernd ritt er in das Wasser. Doch der Spruch hatte tatsächlich gewirkt! Von Funkenglut und ihm perlte das Wasser einfach ab und beide blieben trocken. Als Aldrian weiter ritt, kam er an die Wand, an der in elbischer Schrift scheinbar der Zauberspruch stand, den Moonargon hier sprach, um Einlass zu bekommen. Er konzentrierte sich und versuchte, die Worte zu lesen und zu sprechen. Was Aldrian las und sprach war: „Enavarb va oirile, aaw al, aaw al, Enavarb, Enavarb.”

Es geschah jedoch nichts. Aldrian kamen die Worte nicht nur fremd vor, sondern sie klangen auch keineswegs Elbisch! Aldrian starrte auf die Schriftzeichen und plötzlich bemerkte er die List. Die Worte waren von hinten nach vorn geschrieben. Als weitere Versuche scheiterten, bemerkte er, dass nicht nur die einzelnen Worte verdreht waren. Auch der ganze Zauberspruch war von hinten nach vorn aufgeschrieben. Hätte er die elbische Sprache nicht vage gekannt und hätte er Moonargon die Worte noch nie sprechen gehört, wäre ihm diese List nie aufgefallen. Er versuchte es nun nochmals und sprach: „Bravane, Bravane, la waa, la waa, elirio av Bravane.“

Der Fels begann sich leicht zu verfärben, doch unsichtbar wurde er nicht. Gerade als Aldrian sich damit abfand, dass er wohl in diesem kalten Gang seinen nötigen Schlaf nachholen musste, begann die Wand durchsichtig zu werden. Von der anderen Seite kamen vier bewaffnete Krieger und legten mit ihren Bögen auf ihn an. „Woher kennt Ihr die Worte und die Macht des Zaubers?“, wollte einer der Krieger drängend wissen. Aldrian berichtete davon, dass er hier aufgenommen worden war und schon oft mit seinen Freunden durch diese Wand kam und ging. Einer der vier Krieger erkannte Aldrian wieder und bestätigte, ihn mit Silverion und Genion gesehen zu haben. „Verzeiht, doch wir müssen sehr vorsichtig sein. Den Zutritt zu unserem Tal müssen wir verbergen, sonst wird uns Martoc und sein Gefolge großen Schaden zufügen! Wir haben deine Zauberversuche bemerkt, und da ich dich durch die Wand sehen konnte und mir dein Gesicht fremd war, dachte ich, dass man uns überfallen will. Es zeugt von Weisheit und Zauberkraft, dass du den Zauber mit einiger Wirkung gesprochen hast. Doch es fehlen am Ende der Inschrift noch drei Worte, die sogar nur wenige von uns hier kennen und die sich der Zaubernde nur zu denken braucht, nachdem er den Rest richtig gesprochen hat. Ohne diese Worte öffnet sich der Fels nicht ganz und die Wachen auf der anderen Seite bemerken, dass ein Unkundiger sein Glück versucht“, sprach einer der Krieger.

„Nimm dein schönes Pferd und komm in unser Tal. Du siehst sehr müde aus“, fügte eine der anderen Wachen hinzu.

Aldrian stieg auf sein Ross und ritt eilig zu seiner Hütte.

Es war noch in den frühen Morgenstunden und er wollte sich auf das Gespräch mit dem Rat der Ältesten gut vorbereiten. Er entschloss sich, noch ein paar Stunden zu schlafen. Funkenglut ließ er vor dem Eingang der Hütte stehen, damit seine Freunde seine Rückkehr bemerken konnten. Im Schlaf träumte er nochmals von den Ereignissen des letzten Tages …

Seine beinahe elbischen Ohren vernahmen plötzlich eine süße Stimme, die immer wieder seinen Namen rief. Er öffnete seine Augen und sah Alayrah vor sich stehen. „Aldrian, wach auf, ich habe schon mit Sorge auf dich gewartet“, sprach sie mit lieblicher Stimme. Aldrian sah in Alayrahs Augen und plötzlich wusste er wieder, wie schön es war, hier zu sein.

„Ich war bei den Zwergen und habe sehr viele Dinge erlebt. Im Wald erfuhr ich, dass fremde Krieger Überfälle auf euch Elben, die Zwerge und auf die Menschen beabsichtigen!“, erzählte Aldrian mit ungewohnter Hast.

„Die Zwerge sind zu einem Bündnis mit euch bereit. Ich muss es unbedingt dem Ältestenrat berichten!“, fügte Aldrian seinen Worten hinzu.

 

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