Leseprobe - Kap. VI
Nach kurzer Zeit durchbrach die Sonne den dichten Nebel und Aldrian konnte weiterziehen. Der Weg wurde zunehmend breiter, und Aldrian konnte nun auf seinem stolzen Ross den Weg in schnellem Ritt fortsetzen, nachdem er die Huftücher wieder entfernt hatte. Plötzlich scheute Funkenglut. Links und rechts sah Aldrian zwei riesige, tief schnaufende Gestalten aus dem Unterholz brechen. Mehrere kleinere Wesen hielten sich in sicherem Abstand am Wegesrand bereit. Es gab keinen Zweifel, die fremden Gestalten hatten ihn bemerkt und lauerten ihm hier auf. Der eine Riese war schon sehr nahe und Funkenglut wurde zunehmend unruhiger. Die kleinen Gestalten hielten sich jedoch feige zurück und spannten seltsame Bögen mit schwarzen Pfeilen. Der zweite Riese lief vor Aldrian auf den Waldweg, ganz so, als ob er ihm den Weg absperren wollte.
Aldrian reagierte blitzschnell. Er rief mit lauter Stimme: „Lauf Funkenglut, lauf!“
Mitten im Galopp nahm er Pfeil und Bogen und schoss in vollem Ritt dem Riesen mitten durch den Schädel. Der Riese brach unter einem fürchterlichen Schrei auf der Stelle zusammen. Aldrian ritt ohne sich umzudrehen und in solcher Eile, als ob ihn ein ganzes Flammenmeer verfolgen würde. Noch einige Pfeile zischten über sein Haupt, doch getroffen wurde er nicht. Funkenglut wurde immer schneller, und der Abstand wurde zunehmend größer. Ein solch prächtiges Pferd wie Funkenglut hatte er noch nie geritten. Er hatte das Gefühl, als würde er über den Boden hinweg fliegen. So durchquerte er den Wald in Windeseile und konnte keine Verfolger mehr erkennen. Es dauerte nicht lange, da war das Ende des Waldes zu sehen. Ein mächtiges Gebirge von großem Ausmaß lag vor ihm. In seiner Zeit nannte man dieses Gebirge Sonnenstein, da man dort Gold gefunden hatte. Viele Menschen nannten Gold auch Sonnenstein, da sein Glanz an die aufgegangene Sonne erinnerte. Doch nun hieß das Gebirge Cromlaun und hier wollte er Grummlor treffen. Ein schmaler Pfad führte in langem Bogen hoch in das Gebirge. Aldrian musste sich beeilen, er wusste nicht, ob seine Verfolger noch auf seiner Spur waren. Trotz des engen Weges ritt er weiter auf Funkenglut, um einen Vorsprung zu gewinnen. Nach einiger Zeit war er weit in das Gebirge vorgedrungen und somit außer Sicht der Feinde. Er kam an eine große Felswand, in die ein großes Tor gemeißelt war. Er konnte jedoch keine Fugen erkennen. Auf dem Tor war ein alter Zwerg mit Axt und Kurzschwert eingemeißelt, der nicht nur lebensecht aussah, sondern auch den Blick seiner Augen veränderte, wenn man vorbeiritt. Aldrian stieg ab und sah sich das Ganze aus nächster Nähe an. Er tastete das Tor vorsichtig ab. Plötzlich bemerkte er, dass die Augen des Zwerges nicht nur lebendig aussahen, sondern eindeutig lebendig waren. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. „Nur keine Furcht zeigen“, flüsterte er leise vor sich her. Er musste eine List anwenden, um dieses Tor zu öffnen. Er nahm die Drachenkette des alten Zwerges Grummlor von seinem Hals und hielt sie so, dass jenes Augenpaar sie gut erkennen konnte. Aldrian ließ sich nichts anmerken und sagte laut zu seinem Pferd: „Da reitet man den weiten Weg, wird beinahe von Cwards und Ogern zerfleischt, und all dies nur, um einem alten, ergrauten Zwerg die wahre Kunst des Schmiedens beizubringen! Und was ist der Dank? Ich stehe vor einem verschlossenen Tor.“
Auf der anderen Seite des Steintors erschallte lautes Lachen, das anscheinend nicht mehr enden wollte. Plötzlich ging das Steintor wie von Geisterhand bewegt und ohne ein Geräusch auf. Auf der anderen Seite standen vier gut bewaffnete Zwerge, mit Äxten und Armbrüsten in ihren Händen. Das Lachen war gerade vorbei, als einer der vier Zwerge fragte: „Also, Ihr wollt einem alten, grauen Zwerg die Geheimnisse des Stahls beibringen, ha, ha, ha, ho, ho, ho, ha, ha, ha! Kommt mit mir, Ihr Meister des Stahls“, spottete er und versuchte, sich das Lachen zu verkneifen.
Als Aldrian einige Schritte gegangen war, schienen ihm seine Augen einen Streich zu spielen. Der niedere Gang ging in eine riesige Halle über, die ringsherum von vielen mächtigen Steintoren geziert war, welche durch Fackeln beleuchtet wurden. Alle Tore waren so hoch, dass ein Oger, ohne sich zu bücken, hier hätte einmarschieren können. In jedes Tor war in vollendeter Steinmetzkunst eine Waffe eingemeißelt. Darunter stand in zwergischer Schrift jeweils ein Spruch oder auch nur ein Wort, soviel er sehen konnte. Über jedem Tor war in lebendiger Leibhaftigkeit ein Zwerg eingemeißelt, der dieselbe Waffe trug, wie sie auf dem Tor darunter abgebildet war. Der Boden der Halle war glatt wie ein See bei stillem Wind. Seltsame Zeichen gingen in Spiralform von der Mitte der kreisrunden Halle bis zum Rand. Diese Spiralen sahen so aus, als ob sie in Vertiefungen mit Metall eingegossen und in feinster Arbeit geschliffen waren. Die Decke war gute drei Mann hoch und hatte in derselben feinsten Arbeit dieselben Zeichen wie der Boden. Wahrlich, hier waren Meister am Werk, die ein Jahrtausende altes Handwerk in vollendeter Perfektion ausübten.
Nun war Aldrian kristallklar, warum die Zwerge derartig lachen mussten. Wie könnte er wohl auch nur dem geringsten aller Zwerge etwas über die Kunst des Schmiedens oder der Geheimnisse des Stahls beibringen? Bei diesem Gedanken musste selbst er lachen.
Der Zwerg vor ihm ging auf jenes Tor zu, auf dem ein großer Hammer abgebildet war. Er murmelte einige unverständliche Worte, und das Tor öffnete sich. Als es zur Hälfte geöffnet war, konnte man bereits das Dengeln und Schlagen von Hämmern hören. Auch der schweflige Geruch von Feuer Kohle und Koks lag in der Luft. Der Zwerg sprach ganz entspannt: „Hier könnt Ihr zeigen, was Ihr von der Kunst des Schmiedens versteht. Ich werde nun Grummlor benachrichtigen, dass ein Fremder angekommen ist, welcher die Kette des Drachen bei sich trägt. Wie ist Euer Name?“, fragte er interessiert. „Aldrian von Alfengrimm, mein Herr. Grummlor hat mich selbst hierher eingeladen, als er im Tal der Elben war“, gab Aldrian zu verstehen.
„Wartet hier, mein stahlkundiger Freund“, sprach der Zwerg mit einem nachdenklichen Lächeln im Gesicht. Aldrian betrachtete die Halle, in welcher er nun stand. Eindeutig war er hier in einer riesigen Schmiede gelandet, denn an den Rändern der Halle war eine Esse nach der anderen zu sehen. Der Klang von Metall war in allen Ecken zu hören. In der Mitte der Halle stand ein großer runder Tisch, der reichlich mit Eisen beschlagen war. Darauf lagen allerlei Waffen und Werkzeuge in verschiedenen Größen und Ausführungen. Einige der Waffen waren auch mit edlen Steinen, Perlen und anderen schmückenden Dingen wie Leder und Horn verziert.
Plötzlich hörte Aldrian ein bekanntes Lachen. Es war Grummlor, der von mehreren Zwergen begleitet wurde. Grummlor sprach: „Ich erfuhr gerade, wie Ihr Euch hier Einlass verschafft habt. Entschuldigt daher bitte mein Lachen. Es freut mich, dass Ihr gekommen seid. Ich heiße Euch willkommen, mein stahlkundiger Freund“, sprach Grummlor voller Begeisterung.
Grummlor ging voraus und Aldrian folgte ihm. Sie gingen wieder zurück durch die große Halle mit den vielen Türen und Grummlor blieb genau in der Mitte stehen und sprach sehr geheimnisvoll: „Du hast die Wahl, mein Freund. Wähle eine dieser zwölf Türen aus. Lasse dich von deinem Herzen dabei leiten!“
Aldrian sah sich genau um. Als er mit seinen Augen auf ein Tor traf, über dem ein alter Zwerg mit einem Schwert in der einen und einem Buch in der anderen Hand zu sehen war, rief er instinktiv: „ Ich habe dieses Tor gewählt!“
Grummlor schien überrascht zu sein und sagte: „Du hättest deine Wahl nicht besser treffen können.“
Beide gingen auf das Tor zu und Grummlor sprach unverständliche Worte, als er direkt davor stand. Das mächtige Tor öffnete sich so lautlos, dass Aldrian an seinen Ohren zu reiben begann. Als er die Halle betrat, wollte er erneut seinen Augen nicht trauen. Die Halle war gute vier Mann hoch und mit Regalen gefüllt, die ihrerseits voller Bücher und Schriftrollen waren. Die Halle war so groß, dass Aldrian sie nicht ganz überblicken konnte.
Grummlor begann zu erzählen:
„Die Kunst des Schmiedens ist viele Jahrtausende alt. Wir Zwerge haben sie entdeckt und weiterentwickelt. Auch das Mischen von Metallen beruht auf den Wissensgrundlagen der Zwerge. Wir Zwerge sind der Elementarzauberei kundig. Diese Macht in Vollendung zu beherrschen kann Jahrhunderte dauern. Es gibt zwar viele Zauberkundige, jedoch nur wenige Meister dieser Kunst. Alles Wissen über diese Macht und die Geheimnisse der Metalle ist hier und an einem anderen geheimen Ort niedergelegt. Diese Bücher und Rollen hier sind allesamt aus Blauranium. Blauranium stammt von einem gefallenen Himmelstein, der vor vielen Jahrtausenden eine große Flut verursacht hat. Die Vorfahren meiner Vorfahren haben diesen mächtigen Stein zum Gedenken an die Katastrophe aufbewahrt. Erst meine Generation schmolz den großen Stein und untersuchte seine Eigenschaften. Es stellte sich heraus, dass das Material sehr flexibel ist und ausgezeichnet geeignet, um hauchdünne aber unzerreißbare Blätter zu gewinnen. Da das Material nur bei äußerst hohen Temperaturen schmilzt, ist es ausgezeichnet als Grundstoff für eine Bibliothek geeignet, die somit auch vor Feuer sicher ist. Die Zeichen werden mit gehärteten Griffeln eingraviert. So ist unser Wissen gut geschützt und bewahrt. Zudem sind die Schriften mit einem Zauber belegt, so dass Unkundige sie nicht nutzen können. Doch nun genug von meinen Worten. Erzählt mir, woher Ihr soviel Wissen über den Stahl besitzt“, fragte Grummlor voller Erwartung.
Aldrian begann zu erzählen. Er berichtete von seinem regen Interesse an Erzen und Gesteinen von Kindheit an. Er erwähnte jeden erlernten Trick, den er in den vielen Jahren der Mitarbeit von seinem guten Freund, dem Schmied, in seiner Zeit erlernt hatte. Zuletzt erzählte er Grummlor noch von den Ereignissen, die ihn in diese Zeit gebracht hatten und was er seither an Wichtigem erlebt hatte. Nur von seinem Plan, die Elben, die Menschen und die Zwerge zu vereinen, erzählte er absichtlich noch nichts.
Grummlor war beeindruckt, nun kannte er Aldrians Geschichte. Alles war nun klar. Nur dass Aldrian aus einer fernen Zukunft stammen sollte, war Grummlor keineswegs klar. Er kannte natürlich die Geschichte von dem Zwergenmagier, der die Zeit beherrschte und eines Tages in ihr verloren ging. Auch von anderen seltsamen Dingen über die Zeit hatte er schon viel gehört. Doch dass jemand aus der fernen Zukunft in seine Zeit gelangt war, das hatte er noch nie gehört. Was Grummlor am meisten verblüffte, war die Tatsache, dass Aldrian erwähnte, am Steinring von Auenlicht in dieser Zeit aufgetaucht zu sein. Auch der alte Zwergenmagier benutzte diesen Steinkreis, um durch die Zeit zu wandeln und Erze und Edelsteine aus anderen Zeiten zu finden. Sollte dieser Steinkreis etwa auch ohne den alten Magier diesem Zwecke dienen? Viele Fragen beschäftigten Grummlor. Er versprach Aldrian, in den alten Schriften nach Wissen über den Steinkreis suchen zu lassen. Aldrian bedankte sich bei Grummlor für die vielen Informationen.
„Mein Freund, Ihr werdet noch viel mehr zu sehen bekommen und über die Kunst der Zwerge erfahren. Folgt mir“, sagte Grummlor mit einem Unterton in der Stimme, der Aldrian neugierig machte. Sie gingen wieder zurück in die runde Halle und traten durch ein anderes Tor. Als sich die Tür öffnete, war Aldrian etwas enttäuscht. In der großen Halle, die er sah, war nur ein einziger Tisch in der Mitte.
Nicht einmal Stühle standen um diesen Tisch. Grummlor bemerkte Aldrians Enttäuschung und sprach: „Dies ist die Halle der Meisterstücke! Hier könnt Ihr die Kunst der zwergischen Meisterschmiede bewundern, auch von meiner Wenigkeit ist ein Stück dabei.“
Aldrian trat näher an den Tisch heran und war nun noch erstaunter. Da lagen Schwerter und Äxte, wie er sie schon oft gesehen hatte. Sicherlich waren sie von besonders schöner Machart, doch unter wahren Meisterstücken, noch dazu von Zwergenmeistern, hatte er sich andere Arbeiten vorgestellt. Doch was er überhaupt nicht verstand, war, dass neben all diesen Waffen auch ein scheinbar gewöhnlicher Metallwürfel, eine güldene Metallkugel und ein sonderbarer Kamm lagen. Diese Gegenstände hatten die Größe einer Männerfaust und wiesen keinerlei Verzierungen auf. Nur ein seltsamer Glanz ging von ihnen aus. Aldrian fiel auf, dass eine Stelle auf dem Tisch leer war. Es sah so aus, als ob dieser Platz absichtlich frei gehalten würde. Er konnte sich nicht zurückhalten und musste einfach folgende Frage stellen: „Sagt mir bitte, Grummlor, was ist so besonderes an diesen Dingen?“
Grummlor lachte und sprach: „Manchmal sind die Dinge, die man sieht, nicht immer das, was man in ihnen vermutet.“ Er nahm eine der Äxte in die Hand, warf sie mit voller Kraft in den Raum und rief laut: „Rungar!“
Die Axt flog in einem großen Kreis um Grummlor herum und kam genau vor seiner Wurfhand wieder zum Stillstand.
Aldrian konnte vor Erstaunen seine Augen und Lippen nicht wieder schließen. „Das ist unmöglich!“, rief er fast fassungslos.
„Nein, das ist nicht unmöglich, das ist Rungar, die Meisterarbeit von Rodlor“, erklärte Grummlor lachend. Er legte die Axt zurück und nahm eines der Schwerter. Mit kräftiger Stimme rief er: „Murrtill!“
Das Schwert begann nun Attacken und Paraden von selbst zu schlagen. Es hatte ganz den Anschein, dass Grummlor das Schwert mit seinem Geiste führte.
Grummlor ließ das Schwert wieder in seine Hand gleiten und sagte, als wäre es selbstverständlich: „Murrtill ist das tanzende Schwert. Ein Magiebegabter kann es im Geiste in einem Radius von fünfzig Ellen führen. Es ist ein Meisterstück von Turgrumm, einem alten Freund von mir.“
„Nun genug der Waffen. Bitte zeigt mir, was diese Kugel und dieser Würfel für Geheimnisse verbergen“, bat Aldrian voller Neugier.
Grummlor nahm die Kugel in die Hand und ging gut zehn Schritt auf die Seite. Er konzentrierte sich, sprach einige unverständliche Worte und ließ dann die Kugel los. Die Kugel blieb genau an dieser Stelle in der Luft stehen. Dann fing sie an zu wachsen und zu wachsen. Als sie eine Höhe und eine Breite von zwei Männern erreicht hatte, begann sie sich in der Länge auszudehnen. Sie wurde so lang wie zehn ausgewachsene Pferde und hatte nun die Form von einem langen Gang mit geschlossenen Wänden. Langsam sankt das Kunstwerk zu Boden.
„Was soll das sein?“, wunderte sich Aldrian.
„Das ist Hommlur. Komm zu mir und betrachte es genauer“, antwortete Grummlor.
Aldrian trat näher und betrachtete das Gebilde. Grummlor griff an eine Wand und öffnete sie. Im Inneren waren Stühle, Tische und selbst Betten ausgebildet. Alles war hauchdünn und dennoch hart wie Holz oder Stein. Als Aldrian das Innere betrat, verspürte er eine angenehme Wärme. Eindeutig war dies eine geräumige Wohnstätte, die man im Rucksack transportieren konnte.
„Hommlur dient uns als Unterkunft bei langen Reisen in jeder Jahreszeit. Im Sommer kühlt es und im Winter spendet es Wärme. Es ist Platz für zwei Dutzend Mann in dieser Unterkunft. Es ist das Werk von Sorrgis, einer magiebegabten Zwergin“, erklärte Grummlor.
„Sie hat es aus einem speziellen Gemisch von Blauranium und anderen Metallen gefertigt. Natürlich ist auch der Zauber entscheidend!“, erwähnte Grummlor deutlich.
Aldrian sah sich weiter auf dem Tisch um und griff nun unter all den Dingen nach dem glänzenden Bartkamm. Er hielt ihn in die Höhe. „Oh, welches Geheimnis mag sich wohl hinter dieser Arbeit verbergen? Ich kann die Magie direkt fühlen“, sagte Aldrian voller Überzeugung.
Grummlor brach in ein schallendes Gelächter aus. Er konnte kaum noch stehen und rang nach Luft.
„Grummlor, was habt Ihr? Kann ich Euch helfen?“, fragte Aldrian voller Sorge.
„Ha, ha, ha, ho, ho, ho, oh ja, ha, ha, ha, Ihr könnt mir sehr wohl helfen! Legt bitte diesen fettigen Kamm zurück, ha, ha, ha, er gehört Borrwin, dem Zwerg, der hier im Saal für Ordnung sorgt. Er muss ihn wohl hier vergessen haben. Die einzige Magie, welche in diesem Kamm wohl steckt ist jene, dass er mit Sicherheit die Brutstätte von Scharen roter Läuse war“, erklärte Grummlor mit unterdrücktem Lachen.
Aldrian legte den Kamm in Windeseile auf seinen alten Platz zurück. Er war nun sehr beschämt und wusste, dass er sich bis auf die Knochen blamiert hatte.
Grummlor hatte sich wieder gefasst und fragte in gelassener Ruhe: „Was wollt Ihr noch wissen, mein Freund?“
„Dieser Würfel, was ist mit diesem Würfel?“, fragte Aldrian drängend.
Grummlor nahm den Würfel und legte ihn in großem Abstand auf den Boden. Konzentriert rief er mit magischer Stimme: „Ruschwinn, Ruschwinn, - Ruschwinn lugarr!“
Aldrian musste die Luft anhalten. Was er nun zu sehen bekam, verschlug ihm die Sprache. Der Würfel entfaltete sich in gleitenden Bewegungen zu einem großen Segelschiff von solcher Pracht, dass Aldrian kein Wort mehr sprechen konnte.
„Das ist Ruschwinn, ein außergewöhnliches Segelboot. Erst wenn es mit Wasser in Berührung kommt, erhält der Rumpf das nötige Gewicht, damit das Boot selbst bei starkem Wind nicht kentert. Es ist bei gutem Wind schneller als das beste Ross. Ich selbst habe es in meinen jungen Jahren geschmiedet. Es besitzt einen besonderen Zauber“, sprach Grummlor in einem Ton, als ob dieses Wunder die normalste Sache der Welt wäre.
Aldrian bewunderte alles, was er gesehen hatte. Er fühlte sich vertraut mit diesen Dingen. Seine eigene Schmiedekunst war sicherlich meisterlich, doch diese Verbindung aus Schmiedekunst und Elementarmagie konnte er wohl nie erreichen.
„Sag mir, mein Freund, welches ist die beste Klinge, die du in deiner Zeit gesehen hast?“, wollte Grummlor wissen.
„Da muss ich nicht lange überlegen. Es ist dieses Schwert an meinem Gürtel, welches ich vor wenigen Tagen zu meinem 22. Geburttag geschenkt bekam. Es soll zwergischer Abstammung sein. Dies erzählte zumindest mein guter Freund, der Schmied“, berichtete Aldrian voller Stolz.
„Zwergischer Abstammung? Na, dann lass es einmal näher betrachten“, drängte Grummlor.
Aldrian zog das Schwert aus der Scheide und reichte es Grummlor.
„Das ist unmöglich, das kann nicht sein!“, rief Grummlor mit einer Mischung aus großer Freude und Verwunderung in seiner Stimme.
„Dieses Schwert heißt Draglor. Es gehört hierher in diesen Raum und an diesen Tisch! Dieses Schwert ist älter als ich selbst. Die Klinge dieses Schwertes wurde aus Calvurr und anderen Metallen geschmiedet. Calvurr ist ein besonderes Erz, welches aus dem tiefsten Inneren der Erde stammt und nur von den Gimplingen zu bekommen ist. Doch selbst die Gimplinge besitzen anscheinend nur sehr wenig davon. Das Schwert wurde in einem besonderen Verfahren geschmiedet und über tausendmal gefaltet und verdrillt. Nachdem es seine Gravur und seinen Zauber erhalten hatte, wurde es erneut geglüht und in Drachenblut gehärtet“, sprach Grummlor voller Ehrfurcht und Respekt.
„Sagt, was bedeuten diese Zeichen?“, fragte Aldrian voller Spannung.
„Die Schrift erzählt von der Kraft und königlichen Machart dieser Klinge. Es ist zu lesen, dass die Macht dieses Schwertes nur dann entfaltet, wenn sie durch einen König heraufbeschworen wird. Dieser König wird der Herr vieler Völker sein, und er wird sie zum Guten führen. Den wahren Zauber wird nur jener König erkennen, wenn die Zeit dafür gekommen ist“, sprach Grummlor nachdenklich und mit ernster Miene.
„Was ist dies für ein Zauber, der diesem Schwert innewohnt?“, wollte Aldrian wissen.
„Wir wissen es nicht. Der Schmied dieser Klinge wollte sein Geheimnis nicht preisgeben und behauptete, er hätte dieses Schwert im Zustand des Schlafes erschaffen. Als er erwachte, lag er selbst neben der Schmiedestelle und hatte das Schwert in der Hand. In den Boden soll der Spruch des Zaubers geritzt gewesen sein, den der Schöpfer dieser Klinge vernichtete, nachdem er das Schwert damit beschworen hatte“, erzählte Grummlor.
„Wer soll dieser König sein, der dieses Schwert erhalten soll?“, fragte Aldrian voller Neugier.
„Nun, er ist wahrscheinlich noch nicht geboren worden. Rondgrimm, unser letzter König, trug dieses Schwert im Kampf gegen die Vylaner und ihre Heerscharen. Das Schwert leistete ihm gute Dienste, doch gegen die Macht des Drachen war selbst er ohne Gegenwehr. Er floh wie all die anderen vom Schlachtfeld und wurde wie viele andere niemals wieder gesehen. Es ist ein Rätsel, wie das Schwert in deine Zeit und deine Hände gelangen konnte. Doch wenn es das Schicksal zu dir geführt hat, gibt es dafür sicher einen guten Grund. Behalte dieses Schwert und trage es mit Würde“, betonte Grummlor ernst.
Aldrian wurde sehr nachdenklich. Immer, wenn er dieses Schwert in seinen Händen hielt, durchströmte ihn ein seltsames Gefühl. Er fühlte eine Kraft in sich aufsteigen, wie er sie noch nie zuvor empfunden hatte. War es vorherbestimmt, dass er in dieser Zeit gestrandet war? War er hier, um große Taten zu vollbringen? Doch er war kein König, also konnte es nach den Legenden nicht sein.
War er etwa hier, um einem anderen König Beistand zu leisten? Doch wer sollte dann dieser König sein? Fragen über Fragen, auf die Aldrian keine Antworten kannte.
Grummlor spürte, dass Aldrian in tiefe Gedanken versunken war. Er spürte auch, dass in Aldrian ein Geheimnis verborgen war. Seine Geschichte und sein großes Wissen waren ebenso erstaunlich wie seine Natürlichkeit und sein Humor. Auch wenn Aldrian aussah wie eine Mischung aus Elb, Mensch und Zwerg, er hatte ein so offenes, weises und belustigendes Wesen, dass man ihn einfach gern haben und achten musste.
Grummlor hatte ihn in sein knorriges Zwergenherz geschlossen. Er war sich bewusst, dass er Aldrian aus seinen Gedanken wecken musste. „Komm, mein Freund, ich zeige dir, wie die großen Meister hier ihre Arbeit tun!“, rief er mit lauter Stimme. Er sprach noch ein paar leise Worte und alles in dem Raum veränderte sich in seinen Ausgangszustand zurück. Selbst der fettige Kamm zuckte noch kurz und lag exakt an der selben Stelle wie zuvor.
Aldrian erwachte aus seinen Gedanken und sprach: „Ja, ich würde sehr gern die Zwergenmeister bei ihrer Arbeit bewundern.“ Er hatte nicht vergessen, weswegen er hier war: Er wollte Grummlor den Vorschlag unterbreiten, sich mit den Elben und den Menschen zu vereinen. Er wollte ihm von der Idee berichten, gemeinsam gegen die Vylaner und ihre Verbündeten in die Schlacht zu ziehen, um der Tyrannei ein Ende zu bereiten. Er wollte jedoch den richtigen Moment abwarten. Er wusste, dass er etwas Besonderes tun musste, um die Zwerge auf seine Seite zu bringen. Er wusste jedoch noch nicht, wie er ein so stolzes und altes Volk beeindrucken konnte.
Guter Dinge folgte er Grummlor, und sie gingen durch eines der großen Tore, die sich rings um den beeindruckenden runden Saal befanden. Der Saal hinter dem neuen Tor war im Verhältnis zu den vorherigen recht klein.
Aldrian konnte nur zwölf Schmiedestätten sehen. Als er näher in den Saal trat, wurde er von den anwesenden Zwergen begutachtet und mit prüfenden Blicken gemustert. Grummlor wurde freundlich und respektvoll empfangen. Er ging zu den einzelnen Zwergen und sprach mit ihnen einige unverständliche Worte. Danach trat er zu Aldrian und sprach: „Du kannst dir alles ansehen. Wenn du Fragen hast, kannst du sie stellen.“
Aldrian sah sich um und kam ins Staunen. Hier wurden feinste Plattenpanzer und Kettenhemden zur Rüstung hergestellt. Helme und edelste Pfeilspitzen fertigte ein anderer Zwerg. Im hinteren Bereich der Halle wurden Waffen aus gefaltetem und verdrilltem Stahl geschmiedet. Alles, was er hier sah, waren ohne jeden Zweifel wahre Kunstwerke
Plötzlich schoss es Aldrian wie ein Elbenpfeil durch den Kopf. Wenn er dieses Volk beeindrucken wollte, dann konnte ihm dies nur mit einer gleichwertigen Schmiedearbeit gelingen, die er vor ihren Augen erschaffen musste.
Er musste über sich hinauswachsen, er musste ein Wunder vollbringen, um dieses Volk für sich zu gewinnen. Plötzlich sprach er laut und voller Hohn, so dass es jeder hören konnte: „Nicht schlecht, diese Arbeiten, wahrlich nicht schlecht, doch das geht wohl noch besser. Sagt mir, ist das ehrlich schon alles, was ihr könnt?“
Grummlor traute seinen alten Ohren nicht. Was war nur in seinen jungen Freund gefahren, der ohne zu zögern die Arbeiten von alten Zwergenmeistern verhöhnte? Die alten Meister waren erst empört, doch dann war nur noch schallendes Gelächter zu hören.
„Sagt, Grummlor, wer ist dieser grüne, übermütige Jungsporn?“, fragte einer der alten Meister.
Bevor Grummlor antworten konnte, ergriff Aldrian das Wort. „Übermütig bin ich? Ein Jungsporn bin ich?“, fragte Aldrian in provozierender Weise. „Lasst mich an einer Schmiedestelle arbeiten, dann werde ich Euch die Kunst des Schnmiedens schon richtig lehren“, fügte Aldrian seinen Worten unverschämt hinzu.
Grummlor war enttäuscht von Aldrian. Er konnte seine Reaktion einfach nicht verstehen. Was war nur in ihn gefahren?
Grummlor sprach lächelnd zu einem der Zwerge: „Gebt ihm die Möglichkeit, uns die Kunst des Schmiedens zu lehren“
Alle Zwerge mussten lautstark lachen und es schien kein Ende zu nehmen. Als sich nach und nach wieder alle beruhigt hatten, trat einer der Meister hervor und sprach: „Na gut, du Heißsporn, zeige uns, was in dir steckt“ Der Zwerg verließ seine Esse und alle Zwerge versammelten sich in einem großen Kreis um diese Schmiedestelle.
Aldrian war nun bewusst, dass er nur diese einzige Möglichkeit hatte, um diese Meister für sich zu gewinnen. Es tat ihm sehr leid, dass er diese alten Meister derartig provozieren und beleidigen musste, doch es war ein wichtiger Teil seines Plans. Er zog seinen Mantel und sein Bauschhemd aus und band sich einen kleinen Lederschurz um, der über einem Haken in der Ecke hing. „Bringt mir Stahl und Blauranium! Dazu noch etwas Kupfer und Silber“, forderte er in überheblicher Art und Weise. Er wusste selbst nicht mehr genau, was er hier tat. Doch eines war ihm klar, er hatte nur diese eine, einzige Chance.
Grummlor sagte widerwillig: „Bringt ihm, wonach er verlangt.“
Aldrian schürte währenddessen das Feuer und legte Brennstoff nach. Die Zwerge brachten alles, wonach er verlangt hatte. Ohne Dank nahm er einen Tiegel und verschmolz bestimmte Mengen jener geforderten Zutaten. Er wusste nicht, ob das Verhältnis der Mengen stimmte, er folgte nur noch seinem Gefühl. Das geschmolzene und gut verrührte Gemisch goss er in eine Rinne, welche die Form eines quadratischen Stabes hatte. Als das flüssige Metall etwas abgekühlt war, nahm er eine Zange und beschlug es auf dem Amboss mit einem Hammer. Er formte es meisterlich zu einem flachen Blech. Dieses zerschnitt er mit einer speziellen Schere in viele einzelne Stränge und verdrillte sie an einer speziellen Vorrichtung. Das verdrillte Stück legte er in die glühenden Kohlen, bis es hellrot wurde. Er bearbeitete es erneut auf dem Amboss und schmiedete daraus einen sehr langen und dünnen Strang. Diesen zerschnitt er in viele gleich lange Teile und verdrillte sie erneut. Dann schmiedete er wieder, zerschnitt, verdrillte, glühte ...
Aldrian rann der Schweiß aus allen Poren. Seine Muskeln waren bis in ihre kleinsten Fasern gespannt und sein Atem war tief und regelmäßig. Stunden vergingen und er war bereits erschöpft, doch er wollte die Arbeit nicht ruhen lassen.
Die Zwerge, welche Aldrian zu Beginn verhöhnt hatten, wurden zunehmend stiller. Eine konzentrierte und würdevolle Atmosphäre entstand. Selbst Grummlor war von Aldrians Durchhaltevermögen und von seinen Kenntnissen in der Schmiedekunst beeindruckt. Die Zeit verging und Aldrian wiederholte die Vorgänge so lange, bis sich das Metallgemisch nur noch unter schwerster Anstrengung und mit Hilfe eines langen Hebels verdrillen ließ.
Einige der Zwerge waren bereits eingeschlafen, doch Aldrian arbeitete bis zur totalen Erschöpfung weiter. Grummlor wachte jedoch über Aldrians Arbeit. Er hatte noch niemals jemanden mit solchem Eifer schmieden sehen.
Aldrian legte den nun unzählige Male verdrillten Stahl erneut in die Glut. Als der Stahl eine helle Röte erlangte, nahm er ihn aus der Glut. Mit meisterlichen Schlägen formte er daraus eine perfekte Klinge und den Ansatz für ein Griffstück.
Nach und nach erwachten die schlafenden Zwerge wieder. Voller Anerkennung und Ehrfurcht betrachteten sie ihn bei seiner Arbeit.
Sein Körper war angespannt und in seinem Gesicht war eine totale Konzentration zu erkennen. Der Schweiß floss in Strömen. Das Schwert hatte bereits eine perfekte Form, doch Aldrian war noch immer nicht zufrieden. Er legte seine Arbeit erneut in die Glut. Nun ging er zu einem Wasserbecken und griff zu seinem Dolch. Er schnitt sich in seinen linken Arm und ließ sein Blut in das Wasser fließen. Die Zwerge waren empört und verstanden die Welt nicht mehr.
Aldrian aber sprach in vollem Ernst und mit lauten Worten: „Wer will sein Blut mit dem meinen vereinigen? Sagt mir, wer will es tun?“
Die Zwerge waren sprachlos. Nur Grummlor ging zögernd zu dem Becken und vermischte sein Blut mit dem des jungen Meisters. Als die anderen Zwerge dies sahen, folgte einer nach dem anderen dem Beispiel Grummlors.
Es herrschte plötzlich eine Atmosphäre, die an Besessenheit grenzte. Jeder ritzte sich in den Arm, und das Wasserbecken wurde immer röter. Außer Aldrian wusste niemand, welchem Zweck dieses Blutopfer dienlich war, doch jeder wollte sein Blut mit dem der anderen vermischen.
Aldrian holte nun das glühende Metall aus dem Feuer und nahm einen kleineren Hammer zur Hand. Er formte damit die Klinge in die Form einer züngelnden Flamme. Es war eine Form, welche die Zwerge noch nie zuvor gesehen hatten. Selbst Aldrian war diese Form nicht bekannt. Er handelte wie in Trance und hörte nur noch auf eine innere Stimme, die sein Handeln zu bestimmen schien. Als die Klinge eine perfekte Form erreicht hatte, legte er sie erneut in die Glut. Als sie hellrot war, nahm er sie mit der Zange und tauchte sie in das Becken mit dem Blut aller Zwerge.
„Nun ist das Blut aller großen Meister in dieser Klinge vereint. Könnt ihr mir ein vergleichbares Stück benennen?“, fragte Aldrian mit Ehrfurcht in der Stimme. Die Zwerge wussten nun, dass dies kein grüner Jungsporn war. Er hatte Durchhaltevermögen und meisterliches Geschick bewiesen.
Doch Aldrian war mit seinem Auftritt noch nicht zufrieden. Er ging an einen über Riemen und Pedale angetriebenen Schleifstein und gab der Klinge einen meisterlichen Schliff.
Danach nahm er Öle, Fette und weiche Abziehsteine, um den Schliff zu veredeln. Er war der totalen Erschöpfung nahe, doch er wollte und durfte keine Schwäche zeigen, wenn sein Plan gelingen sollte.
Als die Klinge vollendet war, sagte zu einem der alten Meister, dass er einen ehrwürdigen Griff dazu schmieden solle. Der Zwerg betrachtete die Größe von Aldrians rechter Hand und stimmte zu. Schließlich zog Aldrian sich wieder seine Kleider an und griff zu Pfeife und Tabak.
„Da, seht nur, er raucht Pfeife!“, rief einer.
Alle Zwerge versammelten sich nun um Aldrian und riefen mehrmals nacheinander mir lauter Stimme: „Zwurrgar, Zwurrgar, Zwurrgar… “
Dann hoben sie ihn in die Höhe und warfen ihn mehrmals in die Luft.
Als sich der Trubel gelegt hatte, fragte Aldrian Grummlor neugierig: „Sagt mir, was bedeutet Zwurrgar?“
„Es bedeutet einfach nur Zwerg. Doch in diesem Zusammenhang bedeutet es viel mehr. Es soll zum Ausdruck bringen, dass du anerkannt und akzeptiert bei uns bist. Wir sehen dich als einen von uns“, sprach Grummlor in überzeugendem Ernst.
Aldrian rauchte nun mit Grummlor und einigen anderen Zwergen gemütlich eine Pfeife und sie sprachen über die Macht und Kunst des Schmiedens.
„Der Griff ist vollendet!“, hörte man es aus dem Hintergrund rufen. Aldrian und Grummlor gingen zu der Schmiedestelle, wo der Zwergenmeister den Griff gefertigt hatte. Griff und Parierstangen waren ebenfalls in Flammenform geschwungen.
Der Griff war mit Leder, Horn und vielen edlen Steinen besetzt.
„Nimm es in die Hand“, drängte der Zwergenmeister.
Aldrian ergriff das Schwert. Es lag ihm in der Hand, als ob es mit ihr verwachsen wäre. Mit nur einem Blick auf Aldrians Hand hatte dieser Zwerg ein Wunder vollbracht.
„Du musst es noch taufen!“, brüllte ein anderer Zwerg aus dem Hintergrund hervor.
Es war bei den Zwergen üblich, dass sie jedem besonderen Schmiedestück einen Namen gaben. Zudem war es alter Brauch, eine gute Waffe mit einem Elementarzauber zu belegen. Einen solchen Zauber konnte jedoch nur ein Magiebegabter aussprechen. Und der Zauber musste in der alten und magischen Sprache der Zwerge gesprochen werden.
Aldrian überlegte. Sein Onkel Alarion hatte ihm einige Wörter dieser alten Sprache beigebracht, die er jedoch im Laufe der Jahre so gut wie vergessen hatte.
„Lasst mich einen Augenblick überlegen, nur einen kleinen Augenblick“, sagte Aldrian, während er versuchte, sich an die Tage seiner Kindheit zu erinnern. Er starrte tief in den schimmernden Glanz der neu geschmiedeten Klinge. Plötzlich war alles wieder da. Er wusste wieder alle erlernten Worte.
„Das Schwert soll Wodarr heißen“, sprach Aldrian mit Überzeugung. Wodarr war das alte zwergische Wort für den Krieg und auch für die wilde Jagd. Grummlor und alle anderen Zwerge waren über Aldrians Sprachwissen sichtlich erstaunt.
„Wenn er nun auch noch einen wirksamen Zauber spricht, werde ich meinen Bart abschneiden, so wahr ich Rugorr genannt werde!“, hörte man den Zwergenmeister Rugorr rufen. Ein raunendes Gelächter ging durch die Halle. Selbst Aldrian konnte sich trotz seiner Erschöpfung nicht mehr zurückhalten.
„Der Bart eines Zwerges ist heilig! Hätte ein Zwerg die Wahl zwischen dem Verlust seines Augenlichts oder dem Verlust seines Bartes, so würde er sich ohne zu überlegen für den Verlust des Augenlichts entscheiden“, erklärte Grummlor.
Doch davon hatte Aldrian schon gehört. Was ihn viel mehr interessierte, war die Kraft des Elementarzaubers.
„Sagt mir, Grummlor, wie kann ich die Kunst des Zauberns erlernen?“, wollte Aldrian wissen.
„Die Kunst des Zauberns kann man nicht erlernen. Es ist eine Macht, die einem Wesen innewohnt oder eben nicht. Elben besitzen alle diese Macht, jedoch in anderer Art und Weise. Bei den Zwergen ist es ähnlich, bei den Menschen hingegen sind es nur Vereinzelte, die eine solche Macht besitzen. Von den Gimplingen sagt man, dass jede neue Generation einen mächtigen Zauberer hervorbringt, der den Zauberkundigen der anderen Völker weit überlegen sein soll. Doch alle Gimplinge sollen eine gewisse Zauberkraft besitzen. Doch über die Gimplinge wissen wir nur sehr wenig. Wenn du also einen Zauber sprechen willst, dann musst du es einfach versuchen“, erklärte Grummlor ausführlich.
„Warum eigentlich nicht?“, sprach Aldrian etwas zögernd.
Rugorr strich etwas verunsichert über seinen prachtvollen Bart und betete zu sämtlichen zwergischen Göttern. Sollte Aldrian ein wirksamer Zauber gelingen, musste er seinen Bart stutzen, so wie er es vor allen laut verkündet hatte. Zwergeswort ist Ehrenwort!
Aldrian konzentrierte sich auf das geschmiedete Meisterstück. Er spürte plötzlich jene Kraft in sich aufsteigen, die er bereits seit seiner Kindheit oft in seinem Inneren verspürt hatte.
Plötzlich sprach er wie in tiefer Trance: „Dawarr Swurrda lidar Fulgar iag uan. Bewarr Durann alei bafarr.“
Aldrian war sich der Worte kaum bewusst, die er da sprach. Die Übersetzung hieß in etwa: „Dieses Schwert soll alle unterdrückten Völker von der Tyrannei befreien und sie in den Frieden führen!“
Aldrian brach nach diesen Worten zusammen und sank auf den Boden.
„Tragt ihn zu den Frauen, schnell!“, rief Grummlor.
Zwei Zwerge hoben ihn vorsichtig vom Boden auf und trugen ihn in einen anderen Saal. Dort waren viele Zwergesfrauen eifrig damit beschäftigt, Rüstungen zu fertigen und Kleider zu nähen. Andere vermischten Kräuter und erstellten heilende Tränke und Salben. Auch eine sehr alte, heilkundige Seherin war unter den Frauen. Grummlor flüsterte ihr einige Worte ins Ohr und sie wusste sofort, was zu tun war. „Legt ihn auf die große Ruhestätte und deckt ihn gut zu. Ich werde einen Tee aus Wacholder und Ogerkraut aufbrühen und eine kräftige Gublonbrühe aufsetzen, das wird ihn wieder auf die Beine bringen“, sprach die alte Seherin. Als sie Aldrians Stirn berührte, spürte sie seine starke Aura und wusste sofort, dass dieser junge Mann noch große Taten vor sich hatte.
„Was fehlt ihm?“, wollte Grummlor wissen.
„Er scheint sich in einem Zustand der totalen Erschöpfung zu befinden. Er muss etwas sehr Mächtiges vollbracht haben, das ihm all seine Kräfte geraubt hat“, betonte Rongriss, die alte Seherin.
„Ja, er hat ein wahrlich kunstvolles Schwert in vielen Stunden schwerster Arbeit erschaffen. Er hat es Wodarr genannt. Als er zuletzt noch einen Zauber sprach, brach er zusammen“, erklärte Grummlor.
Rongriss sagte: „Ich werde die alten Steine über ihn befragen.“
Sie ging aus dem Raum und kam kurz danach wieder. Sie hatte einen verzierten ledernen Beutel in der Hand. Sie hielt den Beutel über Aldrians Kopf und murmelte leise Worte. Dann ließ sie den Beutel über Aldrians Herzen kreisen. Nach weiteren unverständlichen Worten kniete sie sich auf den Boden, öffnete den Beutel und schüttete den Inhalt vor sich hin. Man sah viele kleine Steinplättchen mit seltsamen Zeichen. Rongriss war in tiefe Anspannung verfallen und konzentrierte sich. Plötzlich lief ihr der Schweiß von der Stirn und sie atmete schwer. Sie sammelte die Steine wieder in den Beutel und stand auf.
„Die alten Steine haben zu mir gesprochen. Sie sagten, dass dieser Mann ein Weiser ist und uns Zwerge in eine selige Zukunft führen wird. Es ist kein Zufall, dass er zu uns gekommen ist. Hört auf seine Worte und auf seinen Rat, auch wenn er noch sehr jung ist“, sprach Rongriss mit dermaßen tiefem Ernst in der Stimme, dass Grummlor erschauerte.
Rongriss war unter den Zwergen anerkannt. Man hörte auf ihr Wort und glaubte an ihre Prophezeiungen. Grummlor wusste, was zu tun war. Er versammelte den Rat der Ältesten, dessen Vorsitz er selbst hatte. Er berichtete über alles, was er von Aldrian wusste. Natürlich und nicht ungewollt erwähnte er auch die Worte von Rongriss, der Seherin. Der Altenrat war nachdenklich. Was könnte dieser junge Mann wohl an ihrem Dasein ändern? Wie sollte ein Fremder sie in eine bessere Zukunft führen? Grummlor legte auch Aldrians Schmiedestück vor den Rat und nannte den Namen des Meisterstücks sowie den Zauber, mit dem es belegt wurde. Die Alten waren beeindruckt und einigten sich darauf, mit Aldrian zu sprechen, sobald er wieder bei Kräften wäre.
Aldrian wurde währenddessen bestens mit Tee und Gublonbrühe versorgt. Er bedankte sich mehrmals bei der alten Seherin und den anderen Zwerginnen, die ihn pflegten. Nach den alten Legenden sollten Zwerginnen sehr hässlich, fett und grobbärtig sein. Dies war jedoch keineswegs der Fall, denn einige der umherstehenden Frauen hatten durchaus einen gewissen fremdartigen Liebreiz in ihren Gesichtern, auch wenn tatsächlich bei einigen ein leichter Flaumbart zu erkennen war.
Aldrian wusste die Pflege zu schätzen. Es war eine Pflege und Fürsorge, wie er sie nur von seiner Mutter kannte. Er fühlte sich noch immer sehr schwach, doch er spürte, dass dieser Tee zu wahren Wundern fähig war. Er wurde sehr müde und fiel in einen tiefen Schlaf.
Als er erwachte, standen bereits einige Zwerginnen um ihn herum. „Esst! Der Rat der Alten will Euch später sehen“, forderte eine der kleinwüchsigen Schönheiten. Aldrian bekam eine Schüssel mit gekochtem und geriebenem Hafer, der nur mit etwas Salz und Rübenzucker angesetzt war. Aldrian wollte die Schüssel gerade wegstellen, als er aus dem Hintergrund die Stimme von Rongriss hörte, die mit Nachdruck sagte: „Esst diesen Brei, sonst werde ich euch in einen Gublon verwandeln und daraus eine Brühe kochen.“ Ihr Gesicht blieb dabei völlig ernst und ihre Worte wirkten durchaus glaubhaft. Aldrian aß den Brei in einer Eile, als ob er noch nie zuvor etwas Besseres gegessen hätte. Plötzlich brachen alle Zwerginnen in schallendes Gelächter aus. Rongriss hatte nur einen zwergischen Scherz gemacht, was Aldrian nicht sofort erkannt hatte. Aldrian hatte bereits einen total verschmierten Mund und musste mitlachen, da nun auch er den Spaß verstanden hatte.
„Dieser Brei wird Euch Euere alte Kraft wieder zurückgeben. Er schmeckt zwar nicht gerade gut, doch er kann wahrlich Tote wieder zum Leben erwecken!“, fügte Rongriss mit einem Lächeln hinzu.
Und tatsächlich, Aldrian fühlte sich von Löffel zu Löffel besser. Er freute sich sehr darüber, dass es ihm nun bald wieder gänzlich gut gehen würde. Noch mehr freute er sich jedoch über die Tatsache, dass er nun nichts mehr von diesem Haferbrei zu essen bekam.
„Kommt nun mit, ich bringe Euch zum Rat der Ältesten.“, forderte ihn Rongriss auf. Sie gingen wieder durch den großen Saal und betraten eine weitere Halle. Diese Halle hatte in der Mitte einen großen, länglichen Tisch, an dem bereits viele Zwerge versammelt waren. Grummlor saß an einer Kopfseite und begrüßte Aldrian mit einem Lächeln. Die anderen Zwerge musterten Aldrian mit beinahe strengen Blicken.
„Setz dich, und erzähl uns, woher du kommst und was du hier zu tun gedenkst“, sprach einer der Ältesten.
Aldrian erzählte seine Vergangenheit und berichtete, wie er hierher in eine ihm fremde Zeit gelangt war. Die Zwerge hörten aufmerksam zu und auch die Seherin blieb im Raum.
Aldrian erwähnte auch, wie er von den Elben gastlich aufgenommen wurde und was er dort erlebt hatte. Auch, dass er von der Bedrohung durch Martoc, dem Drachen, den Ogern, Cwards und den Golems erfahren hatte, erzählte er ausführlich.
Zuletzt sprach er über die geplünderte Menschensiedlung, die er sah, und auch über den versuchten Überfall im Wald, dem er nur durch Glück und durch sein schnelles Ross Funkenglut entkommen war.
„Dein stolzes Ross haben wir in unsere Stallungen zu den Eseln gebracht“, warf einer der Zwerge ein. „Habt Dank“, betonte Aldrian.
Aldrian schwieg nun für mehrere Augenblicke. Sein Blick ging nachdenklich und durchdringend um die Runde. Gerade, als einer der Zwerge etwas sagen wollte, ergriff Aldrian erneut das Wort. „Seht ihr denn nicht die Lösung, die euch alle von Martocs Tyrannei befreien könnte?“, fragte Aldrian mit Nachdruck.
„Wovon sprecht Ihr?“, fragte einer der Zwerge.
„Die Lösung liegt nahe! Die Menschen und ihr Zwerge seid allein nicht stark genug, um gegen Martocs Heerscharen zu bestehen. Die Elben wagen keinen Angriff, da der Drache ihnen ihre Zauberkraft nimmt. Es gibt nur einen Weg, um gegen Martocs Heerscharen einen Sieg zu erzwingen. Ihr müsst euch mit den Elben und den Menschen zusammentun! SCHLIESST EIN HEILIGES BÜNDNIS! Es ist der einzige Weg! Nur so könnt ihr siegen und einer friedlichen Zukunft entgegensehen!“, erklärte Aldrian überzeugt. Er war sehr froh, dass er nun endlich alles gesagt hatte, was zu sagen war. Nun lag es an den Zwergen, ihr eigenes Schicksal zu besiegeln. Ein lautes Raunen ging durch die Runde.
„Ha, die spitzohrigen Elben, die lieben doch nur unsere Waffen. Sie spotten über unsere Bärte und trauen sich nicht näher als zwei Schritt an uns heran. Üble Gerüche sollen wir verbreiten – sagen sie. So wie verfaultes und geräuchertes Wildschweinfleisch sollen wir stinken!“, rief einer der Zwerge voller Zorn.
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